Max Peintner

> Kunst über Kunst als Modell der Natur * Bagger <

Max Peintner | Der Nachfolger | Galerie3

Eröffnung: Donnerstag 5. September 2019 – 18 Uhr
Die Künstler sind anwesend.
Ausstellungslaufzeit: 6. September – 25. Oktober 2019

» Lange Nacht der Museen: 5. Oktober 2019
20:00 Uhr Künstlergespräch mit Max Peintner
22:30 Uhr Meet the Artist: Simon Goritschnig

„Das Problem ist ja nicht mehr, dass bei uns der Wald stirbt, sondern, dass er womöglich, begünstigt durch den Treibhaus bedingten Temperaturanstieg, Ödland und Gipfelregionen überwuchert und uns damit eines unentbehrlichen Schauplatzes für Abenteuer und einer bequem erreichbaren letzten Grenze beraubt.“
Max Peintner

Max Peintner (1937) seit den 70er Jahren für seine zivilisationskritischen Zeichnungen bekannt und eine wichtige Persönlichkeit der österreichischen Umweltbewegung, nahm 1977 an der Documenta 6 in Kassel teil und vertrat 1986 Österreich auf der Biennale in Venedig. Seine Werke befinden sich in vielen wichtigen internationalen Museen wie dem MOMA in New York. Seine zweite Einzelausstellung in der Galerie3 zeigt einen Querschnitt aus Arbeiten mehrerer Jahrzehnte.

Im Kabinett und Lichthof sind aktuelle Arbeiten des Kärntner Künstlers Simon Goritschnig zu sehen, dessen Werke zwischen Natur und Künstlichem vermitteln.

Die Zeichnung „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur” Habe ich vor mehr als 40 Jahren gemacht, als selbst größere Stadien noch nicht unbedingt Tribünen mit Flugdächern hatten, als die Autobahnen noch nicht über weite Strecken in durch Schallschutzwände gegen den Rest der Welt abgeschottete Korridore verwandelt waren und als eher nur ausnahmsweise Im Umland der Städte die Kondensstreifen am Himmel bereits ein sich stetig erneuerndes Gitter bildeten. Und obwohl nicht mehr wie unmittelbar nach dem Krieg zerschlissene Reifen, Altbatterien und rostiges Gerümpel im kleinsten Rinnsal entsorgt wurden, lag Unbehagen in der Luft.

Die vielen Schulbücher, in denen die Zeichnung abgedruckt wurde – und seltsamerweise gerade diese und kaum je eine meiner thematisch verwandten – zeigen, daß sie über die Jahre eine interessante Karriere gemacht hat. Lange Zeit war die Zeichnung ein Muß beim Thema Waldsterben oder in Bänden wie „Ethik für die 3. Stufe”; mittlerweile hat sie es in den Unterricht über Romantik und Lyrik geschafft (Stichwort Mensch und Natur). Das Problem ist ja nicht mehr, daß – bei uns – der Wald stirbt, sondern daß er womöglich, begünstigt durch den treibhausbedingten Temperaturanstieg, Ödland und Gipfelregionen überwuchert und uns damit eines unentbehrlichen Schauplatzes für Abenteuer und einer bequem erreichbaren letzten Grenze beraubt. Ich möchte mir auf das Ganze einen Reim machen und bitte dabei um ein wenig Geduld.

Ich habe mir nämlich überlegt, was unsere abendländische Technik noch sein könnte außer Mittel zum Zweck, notwendiges Übel, Machtinstrument oder Beschäftigungstherapie. Vermutlich könnte unser Denken aus der Welt keine Wirklichkeit mehr ziehen, wenn es nicht immer neue ausgedacht Dinge in sie einführen dürfte. Die Technik würde somit eine Vergleichs- oder Gegenwelt bilden, die für uns erst der Originalwelt inneren Zusammenhang gibt und sie dabei allerdings aufreißt; von der Rolle, welche die Fiktion der alles erschaffenden Geldströme spielt, will ich erst gar nicht reden. Wir lügen uns, glaube ich, etwas vor, wenn wir aus den Städten ausschwärmen, um in der Natur ein Verwandtes wiederzufinden, als hätten wir es nur vorübergehend aus den Augen verloren. Das tröstliche Vertraute sind die Tankstellen, die Autobahnen, die Fabriken und Warenhäuser bei der Heimkehr. Die sogenannte Erschließung der Natur ist eine überzogene Reaktion auf die Angst vor ihr oder eine Kompensation des schlechten Gewissens, das wir wegen der Angst haben. Die Angst macht uns die absolute Uneinsehbarkeit des Natürlichen, sogar des eigenen Körpers (trotz aller DNA-Sequenzierung und Magnetresonanztomographie); das Unvermögen, angesichts der Natur etwas zu denken, das Natur ist (trotz aller Entdeckungen oder vielleicht auch nur Erfindungen von CERN); die Unmöglichkeit, uns bei der Gegenüberstellung in eigene Substanz zu retten, die auch drüben, in der Natur, vorhanden wäre.

Entgegen der vordergründigen Polemik funktioniert die Zeichnung des Stadions mit den Bäumen natürlich als Wunschbild; ihrer alten Abscheu und Panik gemäß sehen die Menschen den Wald am liebsten eingesperrt und auf sichere Distanz zur Schau gestellt, wenn er schon nicht gerodet, niedergebrannt oder zumindest in Biospriterzeugungsplantagen verwandelt ist.

Wien, im November 2013                                                                                   Max Peintner